• Dice on the Wall – Rollenspiel als Zugang zu Lanchesters „The Wall“

    Vor einiger Zeit habe ich mit meinem Englisch-LK ein Miniszenario durchgeführt, das auf einer zentralen Szene in Lanchesters The Wall basierte. Das Setting war bewusst reduziert: vereinfachte Regeln, kurze, klare Anweisungen für die Gamemaster und ein sehr fokussierter Ablauf, der sich auf eine einzige Situation konzentrierte. Die Schüler:innen übernahmen die Rolle von Bootsflüchtlingen – den „Others“ – deren Ziel es war, die Wall zu überwinden und anschließend im Land zu entkommen.

    Die Kombination aus Unsicherheit, knappen Ressourcen und der ständigen Gefahr, entdeckt zu werden, führte zu einem hohen Grad an Immersion. Für viele war es das erste Mal, dass sie eine literarische Situation nicht lesend oder analysierend, sondern handelnd und entscheidend durchdrangen.

    Besonders aufschlussreich war die anschließende Diskussion über das moralische Dilemma der Verteidiger:innen. Dass diese teils wehrlose Flüchtlinge bekämpfen müssen, wurde von den Schüler:innen als überraschend belastende Perspektive empfunden. Gleichzeitig konnten wir die Verzweiflung der Flüchtlinge reflektieren, die bereit sind, enorme Risiken einzugehen, um der Hoffnung auf ein besseres Leben willen. Die emotionale Nähe, die das Rollenspiel erzeugt hatte, führte zu einer deutlich vertieften Auseinandersetzung mit diesem Aspekt des Romans.

    Auch fachlich war ich zufrieden: Der durchgehende Gebrauch der Zielsprache funktionierte erstaunlich gut, da die Notwendigkeit unmittelbarer Kommunikation die Hemmschwelle senkte. Das Würfeln diente als strukturierende und motivierende Komponente, die den Spielfluss unterstützte. So wurde deutlich, dass sorgfältig zugeschnittene Rollenspielsequenzen einen wertvollen Beitrag zur literarischen Kompetenz leisten können.

    Und falls jemand fragt, ob die Methode wirklich funktioniert: Mein Englisch-LK hat es nicht nur geschafft, die Wall zu überwinden – sondern auch gleich mehrere didaktische Barrieren.  Ob das bei der nächsten Unterrichtseinheit wieder gelingt? 

    Nun, ich würfle besser schon mal eine Probe auf Pedagogical Improvisation. 😉

  • That Guy: Umgang mit schwierigen Spieler- innen

    Eine der interessanten Herausforderungen beim Aufbau und der Leitung einer Pen-&-Paper-AG besteht nicht nur im Management einer großen Gruppe (darauf komme ich in einem anderen Beitrag zurück), sondern auch darin, die vielen unerfahrenen Spieler:innen behutsam an die komplexe soziale Interaktion am Spieltisch heranzuführen. Schließlich möchte man vermeiden, dass nach dem Halbjahr die Hälfte der Teilnehmenden wieder abspringt, weil es ständig Streit gab und der Spaß verloren ging.

    Und ja – es hat nicht lange gedauert, bis die ersten Jungs in der AG durch ihr Spielverhalten den Spielfluss in ihrer Runde gestört haben. Mal ließen sie ihre Charaktere Aktionen ausführen, die sie vielleicht aus Computerspielen kannten, die aber so gar nicht in die Szene passten. Mal waren sie schlicht unkonzentriert (nach sechs Stunden Unterricht durchaus nachvollziehbar) und machten konsequent out of character Quatsch am Tisch.

    Die Frage ist also: Wie geht man pädagogisch sinnvoll damit um? Schließlich handelt es sich hier um eine Schul-AG – nicht um eine erwachsene Rollenspielrunde, die einmal im Monat in der Spielekneipe um die Ecke zusammenkommt. Das Ziel sollte also sein, klar, aber trotzdem wertschätzend und respektvoll zu bleiben, damit der besondere Charakter der AG – das Miteinander auf Augenhöhe, der bewusste, respektvolle Umgang, die nicht-unterrichtliche Atmosphäre – erhalten bleibt.

    Ganz der Lehrer hilft hier vielleicht der Blick auf die konkreten Verhaltensweisen der Spieler:innen am Tisch. Interessanterweise haben sich im Rollenspielmilieu schon viele Menschen Gedanken über schwierige Spielertypen gemacht und diese kategorisiert: der Störer, der Einzelgänger, der Power Gamer – und wie sie alle heißen (beim Lesen der Online-Foren bekommt man wirklich Lust, ein Zweitstudium in Psychologie anzufangen). 

    Zunächst einmal zu verstehen, wie sich ein Schüler konkret am Tisch verhält und warum, macht eine spätere Ansprache deutlich leichter. Besonders hilfreich war in einem Fall der indirekte Weg: über den Charakter des Spielers zu sprechen, nicht über den Schüler selbst. Ein einfaches: „Mir ist aufgefallen, dass dein Charakter in der letzten Sitzung viele Dinge getan hat, die den Spielfluss behindert haben“ – so ließ sich eine direkte Konfrontation vermeiden. Das führte schnell zur Einsicht und, was noch wichtiger ist, zu einer  Verhaltensänderung in der nächsten Session.

    Wirklich gute Tipps dazu finden sich übrigens in Brian Jamisons „Gamemastering“ und in „The Ultimate RPG Game Master’s Guide“ von James D’Amato. Beide bieten praxisnahe Ansätze, um mit typischen Konfliktsituationen am Spieltisch souverän umzugehen – was mich auf die Idee bringt, eine kleine Handreichung für angehende Schüler-GMs zusammenzustellen, damit solche Probleme künftig kompetent innerhalb der Peer Group gelöst werden können. 

    So, ein Gedanke der mir jetzt gerade kommt: warum die Typisierung nicht auch mal auf der nächsten Lehrerkonferenz anwenden? Da sitzen garantiert mindestens ein Rules Lawyer, zwei Power Gamer – und der Lone Wolf, der grundsätzlich gegen alles stimmt…

  • In dieser Woche war es endlich soweit: Die Pen&Paper-AG kam zur ersten richtigen Sitzung zusammen – YEAH! Die Spieler:innen-Charaktere wurden noch einmal überarbeitet, einige Regelfragen geklärt, und dann ging es eigentlich schon los ins erste Abenteuer. Ein Schüler leitete die Runde für die Gruppe mit den teils schon erfahrenen Spielern, während ich die Newbies übernommen habe.

    Mit stimmungsvollem Soundscape vom favorisierten Streamingdienst wurde zunächst in eine verschneite Tavernen-Szene hineingezoomt. Kaum war die Atmosphäre gesetzt, flog plötzlich die Kellerluke auf: Der überraschte Wirt wurde von riesigen Ratten angefallen und stürzte die Treppe hinunter… (und täglich grüßt die Murmelratte).
    Wo ich vermutlich innerlich die Augen verdreht hätte – die „Wir-hören-uns-mal-in-der-Taverne-um“-Eröffnungsszenen haben wir alle inzwischen unzählige Male erlebt –, sah ich nur gespannte Gesichter. Sofort wurden Schwerter gezogen, Fackeln von den Wänden gerissen und durch die Luke gespäht. Erste Überlegungen, die Biester zusammen mit dem Wirt auszuräuchern, ließen sich dann mit einem kurzen Blick auf mögliche Konsequenzen verhindern. 🙂

    Das Regelwerk meiner Wahl zur Einführung: Beyond the Wall. Einfache Regeln, unkomplizierte Abenteuerstruktur, stimmungsvolle Atmosphäre. Schon die Charaktererstellung mit den Zufallstabellen hat allen großen Spaß gemacht. Wer wollte, konnte natürlich auch frei wählen, ohne zu würfeln. Schließlich spielt man ein Fantasy-Rollenspiel ja nicht, um am Ende ein Normalo zu sein.

    Zwei Dinge fand ich besonders bemerkenswert:
    Erstens – es reicht völlig, am Anfang den Rahmen zu setzen und die Kinder einfach machen zu lassen. Trotz kleiner Fehler bei der Charaktererstellung oder in der Auslegung der Regeln blieb alles im vertretbaren Rahmen und alle hatten sichtlich Spaß. Wo erfahrene Rollenspieler wahrscheinlich noch eine Stunde gebraucht hätten, um drei Charakterbögen zu überarbeiten, haben die Kids einfach losgelegt. Niemanden hat’s gestört, alle waren einverstanden. Komplexere Regelwerke kann man also getrost für später aufheben.
    Zweitens – ich fand es beneidenswert, wie schnell und selbstverständlich die Kinder in die immersive Erfahrung eingetaucht sind. Kommentar eines Schülers am Ende der Sitzung: „Was, schon vorbei? Es ist gerade so spannend!“ Und mir fiel wieder ein: Genau so war das bei uns damals auch — (*Pfiebsen*)

    Moment mal – was war das gerade für ein Geräusch unten im Keller?

  • Wie kann man im Englisch-LK der Q2 ins Thema „Dystopian Visions of the Future“ einsteigen – und zwar so, dass die Begrifflichkeit und die Kernkonzepte des Genres eingeführt werden, ohne sofort mit den typischen Klassikern um die Ecke zu kommen? Ohne gleich einen Beispieltext zu sezieren? Ohne zu Beginn den Eindruck einer altbekannten Vorgehensweise zu vermitteln?

    Genau: Man erwürfelt sich einfach mal schnell eine dystopische Welt! 

    Einer meiner guten Vorsätze für dieses Schuljahr ist es, mehr Rollenspielelemente in meinen Unterricht einzubauen. Also lag es nahe, mit etwas zu starten, das mir selbst große Freude bereitet: World Building! Damit das Ganze in zwei Stunden sinnvoll und zielführend umgesetzt werden konnte, habe ich eine größere W8-Zufallstabelle für dystopische Settings entworfen. Sie bildet grob vier Archetypen ab (Orwell, Huxley, Kafka, Dick). Ergänzt wurde das Ganze durch eine W6-Tabelle für mögliche Protagonisten und Antagonisten, ein paar gezielte Kreativfragen für die Schüler:innen – und zack!: Es hat funktioniert.

    Würfeln macht Spaß, die induktiv-kreative Herangehensweise motiviert, und fachlich war der Anspruch ebenfalls erfüllt. Ein anschließendes Leseverstehen zu den vier Autoren, bei dem die Schüler:innen auf ihr eigenes, zuvor entworfenes Setting zurückgreifen konnten, rundete den Einstieg ab. Das kam nicht nur bei den Schüler:innen gut an – ich fand’s auch gut. Und wer weiß, wann ich wieder auf die Schüler:innen-Settings zurückgreifen kann…

    Mein wichtigstes Learning: Es lohnt sich auf jeden Fall, die verschiedenen Facetten des eigenen Hobbys auf ihr Unterrichtspotenzial abzuklopfen. Warum nicht mal einen Charakter passend zu einem vorgegebenen Setting entwerfen? Eine Hintergrundgeschichte schreiben, die nahtlos ins Kapitel passt? Oder sogar ein kleines One-Shot-Abenteuer auf Grundlage eines Textauszugs planen? Möglichkeiten gibt es viele.

    Alright, ich würfle jetzt aber erstmal schnell auf meiner W1-Getränke-Tabelle…
    …Ok, Kaffee.

  • So, die Sommerferien sind (fast) vorbei, die ersten Dienstbesprechungen sind überstanden und die ein oder andere Hiobsbotschaft ist verdaut (SL: „Du, Kolleg:in xy fällt aus. Könntest du dir vielleicht vorstellen…“. So nach dem Motto). 

    Das Gute: meine Vorbereitungen für Einsatz von TTRPGs bzw. Elementen aus Rollenspielen in Schule und Unterricht laufen. Das Konzept für die Rollenspiel-AG ist soweit fertig; ich muss noch einige organisatorische Rahmendaten wie Teilnehmer:innenzahl, Raumzuweisung, Ressourcen etc. abwarten, aber grundsätzlich kann es los gehen. Des Weiteren denke ich gerade darüber nach, wie Rollenspielemente in die geplante Unterrichtsreihe „Dystopian Visions of the Future“ im Englisch LK in der Q2 Eingang finden können. Schon darüber nachzudenken macht viel Freude und ist mal etwas neues. Zu beiden Vorhaben werden in den nächsten Wochen immer mal wieder etwas schreiben.

    Und warum dazu überhaupt ein Blog schreiben? Erstens, weil ich bisher nicht viel dazu gefunden habe. Vielleicht profitieren andere Kolleg:innen ja davon und haben dann weniger Arbeit. Irgendwann schalte ich wahrscheinlich auch die Kommentarfunktion frei, um einen Austausch zu ermöglichen. Zweitens, ich möchte ausprobieren, was mir der digitalen Raum ermöglicht. Das mit der „Kreide“ im Namen des Blogs kommt nämlich nicht von ungefähr. Und drittens: weil mir das regelmäßige Schreiben (hoffentlich) mehr Klarheit verschafft über das, was ich da mache. Das ist jedenfalls der Plan.

    So, der Anfang ist gemacht. Eben noch schnell in die Taverne und mal hören welche Gerüchte man so aufschnappen kann…

  • Hallo!

    Hier werde ich zukünftig Beiträge zum Einsatz von TTRPGs in Schule und anderen edukativen Settings posten. Ein bisschen dauert’s noch. Bis Bald!