Vor einiger Zeit habe ich mit meinem Englisch-LK ein Miniszenario durchgeführt, das auf einer zentralen Szene in Lanchesters The Wall basierte. Das Setting war bewusst reduziert: vereinfachte Regeln, kurze, klare Anweisungen für die Gamemaster und ein sehr fokussierter Ablauf, der sich auf eine einzige Situation konzentrierte. Die Schüler:innen übernahmen die Rolle von Bootsflüchtlingen – den „Others“ – deren Ziel es war, die Wall zu überwinden und anschließend im Land zu entkommen.
Die Kombination aus Unsicherheit, knappen Ressourcen und der ständigen Gefahr, entdeckt zu werden, führte zu einem hohen Grad an Immersion. Für viele war es das erste Mal, dass sie eine literarische Situation nicht lesend oder analysierend, sondern handelnd und entscheidend durchdrangen.
Besonders aufschlussreich war die anschließende Diskussion über das moralische Dilemma der Verteidiger:innen. Dass diese teils wehrlose Flüchtlinge bekämpfen müssen, wurde von den Schüler:innen als überraschend belastende Perspektive empfunden. Gleichzeitig konnten wir die Verzweiflung der Flüchtlinge reflektieren, die bereit sind, enorme Risiken einzugehen, um der Hoffnung auf ein besseres Leben willen. Die emotionale Nähe, die das Rollenspiel erzeugt hatte, führte zu einer deutlich vertieften Auseinandersetzung mit diesem Aspekt des Romans.
Auch fachlich war ich zufrieden: Der durchgehende Gebrauch der Zielsprache funktionierte erstaunlich gut, da die Notwendigkeit unmittelbarer Kommunikation die Hemmschwelle senkte. Das Würfeln diente als strukturierende und motivierende Komponente, die den Spielfluss unterstützte. So wurde deutlich, dass sorgfältig zugeschnittene Rollenspielsequenzen einen wertvollen Beitrag zur literarischen Kompetenz leisten können.
Und falls jemand fragt, ob die Methode wirklich funktioniert: Mein Englisch-LK hat es nicht nur geschafft, die Wall zu überwinden – sondern auch gleich mehrere didaktische Barrieren. Ob das bei der nächsten Unterrichtseinheit wieder gelingt?
Nun, ich würfle besser schon mal eine Probe auf Pedagogical Improvisation. 😉





